10 Jahre Family Literacy von 2004 - 2014

 

10 Jahre Family Literacy von 2004 - 2014

Keynote zum Thema “Alphabetisierung”

Walter Hirche, Präsident der Deutschen UNESCO-Kommission

Abstract mit Schwerpunkt auf der Würdigung des Hamburger FLY-Projektes

FLY LogoAlphabetisierung bedeutet für die UNESCO, die Fähigkeit erworben zu haben, verschriftlichte Materialien aus verschiedenen Kontexten zu identifizieren, zu verstehen, zu interpretieren und auch selbst zu erschaffen: eben „literat“ zu sein. Anlässlich des Welttages zur Alphabetisierung am 8. September hat die UNESCO neue Zahlen veröffentlicht – weltweit können 781 Millionen Menschen nicht lesen und schreiben. Die Alphabetisierungsrate ist in den letzten zwei Jahrzehnten zwar gestiegen, aber sie steigt sehr langsam – zu langsam, um das „Education for all“- Ziel erreichen zu können, die Analphabetenrate bis 2015 zu halbieren. In Europa spricht man von „funktionalem Analphabetismus“ und legt damit innerhalb der umfassenden UNESCO-Definition den Fokus auf die gesellschaftliche Teilhabe: Ein funktionaler Analphabet kann nicht ausreichend gut lesen und schreiben, um an der Gesellschaft voll teilzuhaben. Die leo.-Level-One Studie kam zu dem Ergebnis, dass es in Deutschland 7,5 Millionen funktionale Analphabeten gibt. Überproportional betroffen sind Menschen, deren Erstsprache eine andere als Deutsch ist. Auch macht die Studie deutlich, dass es einen engen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg gibt: Funktionaler Analphabetismus wird familiär weitergegeben. Alphabetisierung ist somit eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Das Hamburger „Family Literacy Projekt“ setzt diese Erkenntnisse in vorbildlicher Weise um. Im Wissen um die große Bedeutung von Elternhaus und Erstsprache fördert es die Schreib- und Lesekompetenzen von Kindern und Eltern insbesondere mit Migrationshintergrund. Der Ansatz eines Generationen-übergreifenden Lernens, wie er hier modellhaft praktiziert wird, ist entscheidend für den Abbau von Bildungsbenachteiligung in Deutschland. Dieses überaus vorbildliche Engagement hat die UNESCO 2010 mit dem internationalen König-Sejong-Alphabetisierungspreis gewürdigt. Mit dem Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung in Hamburg wurde damit erstmals und bisher einmalig eine deutsche Institution ausgezeichnet.
Die damalige Begründung der Jury charakterisiert die Besonderheiten des Projekts aus internationaler Sicht:

„Die Jury würdigt die innovativen Elemente des Projektes, das Eltern mit Migrationshintergrund fördert, während diese am Lernprozess ihrer Kinder mitwirken. Die Jury hebt zudem den multilingualen Ansatz des Projekts vor, welcher die Muttersprache und Kulturen der Mütter, ihre Selbstwahrnehmung und das wachsende Bewusstsein für den Reichtum kultureller Vielfalt würdigt und so die allgemeine Toleranz fördert.“

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