Lehrer aus aller Welt an Hamburgs Schulen: „Wir werden als Experten akzeptiert“

05.10.2015 - Am Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung (LI) werden in einer „Anpassungsqualifizierung“ Lehrkräfte aus aller Welt fit gemacht für den Schuldienst in Hamburg. 75 „Weltlehrer“ haben das schon geschafft – und sind damit ein gutes Beispiel für eine gelingende Integration, die für alle Seiten ein Gewinn ist. Anlässlich des „Weltlehrertags“ am 5.10.2015 kommen zwei von ihnen zu Wort.


Weltlehrertag 2015 in Hamburg: Anpassungsqualifizierung

vergrößern Teilnehmerinnen der Anpassunsgqualifizierung im Seminar im Landesinstitut Teilnehmerinnen der Anpassunsgqualifizierung im Seminar im Landesinstitut (Bild: Landesinstitut, Markus Hertrich) "Lehrkräfte sind nicht nur ein Mittel, um Erziehungsziele zu erreichen. Sie sind der Schlüssel zu Nachhaltigkeit und der Fähigkeit, eine Gesellschaft zu gestalten, die auf Wissen, Werten und Moral basiert“, so schreibt die Unesco, die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur, anlässlich des alljährlichen „Weltlehrertags“ am 5. Oktober 2015 – eine Aufgabe, die angesichts der vielen Flüchtlinge, die in den letzten Monaten nach Hamburg gekommen sind, noch dringlicher geworden ist.

Hamburg ist das erste Bundesland, das hier einen neuen Weg eingeschlagen hat. Das Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung (LI) und die Behörde für Schule und Berufsbildung (BSB) haben ein beispielhaftes Projekt initiiert, das zwei wichtige Ziele miteinander verbindet: Im Rahmen einer 12- bis 18-monatigen „Anpassungsqualifizierung“ (APQ) bietet es Lehrkräften aus aller Welt die Möglichkeit zur Integration ins deutsche Schulwesen – und den Schulen und Schülern erschließt diese Qualifizierung besondere interkulturelle Erfahrungen und pädagogische Potenziale.


Bei der Integration vorankommen

„Seit Jahren kämpfen wir, hier Fuß zu fassen, suchen nach beruflicher Bestätigung“, sagt Tatsiana Hanz aus Weißrussland, „und diese Bestätigung bekommen wir hier: Wir werden als Experten akzeptiert.“ Tatsiana Hanz ist eine von derzeit 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmern der „Anpassungsqualifizierung“ am Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung: Seit 2013 steht Lehrkräften aus aller Welt, die im Ausland ihren Berufsabschluss erworben haben und teilweise bereits in ihrem Beruf tätig waren, nun ein Weg offen, auch in Deutschland wieder in ihrem Lehrerberuf zu arbeiten. Dies war bisher nicht möglich, weil ihre Lehramtsqualifikation in Deutschland nicht anerkannt worden war. Sie müssen – je nach Vorbildung und Erfahrung – eine 12- bis 18-monatige „Anpassungsqualifizierung“ erfolgreich durchlaufen – und hervorragende Deutschkenntnisse besitzen. Hamburg hat damit eine Vorreiterrolle inne und als erstes Bundesland das EU-Recht auf Anerkennung von ausländischen Berufsabschlüssen für Lehrkräfte mit einem eigenen Verfahren für eine weltweite Zielgruppe umgesetzt. 75 Menschen, zur Hälfte aus EU-Staaten und zur anderen Hälfte aus osteuropäischen Ländern sowie vereinzelt u.a. aus Kuba, Brasilien, Ägypten und der Türkei haben die „Anpassungsqualifizierung“ bisher erfolgreich absolviert und sind auf dem Weg in den Beruf und in die Integration in dieser Gesellschaft ein entscheidendes Stück weitergekommen.

Mitgefühl, Toleranz und Nähe

Und auch Hamburg profitiert von der Integration. Tatsiana Hanz, sie lebt seit 2009 in Hamburg, wird als Deutsch- und Englischlehrerin gerade viel in einer Internationalen Vorbereitungsklasse (IVK) in der Geschwister-Scholl-Schule eingesetzt: „Weil ich selbst einen Migrationshintergrund habe, kann ich mich hier besonders gut einbringen. Ich musste Deutsch auch ganz anders lernen als das Muttersprachler tun – so kann ich mit meinen Schülerinnen und Schülern besonders verständnisvoll sprechen und sie gezielt unterstützen.“ „Ich habe Dich nicht verstanden, aber die Schüler haben Dich verstanden“, lobte ihre Mentorin. Und ihr Kollege Halis Yuyucu, der 2002 aus der Türkei kam, u.a. Deutsch als Zweitsprache unterrichtet und auch gerade in der „Anpassungsqualifizierung“ steckt, sagt: „Ich sehe die Schüler wohl ein wenig anders als meine deutschen Kollegen. Ich glaube, ich habe ein bisschen mehr Mitgefühl, Toleranz und Nähe zu ihnen. Und wir können etwas von unserer Lehrkultur einbringen: Sei flexibel wie ein Türke, sei diszipliniert wie ein Deutscher, heißt es in der Türkei.“

Die „Anpassungsqualifizierung“ ist ein gutes Beispiel dafür, dass Integration zum Wohle aller möglich ist und andere davon profitieren können. „Wir zeigen den Kindern Tag für Tag durch unsere Arbeit, dass Integration gelingen – und Spaß machen kann“, betonen Tatsiana Hanz und Halis Yuyucu. „Wir sind glücklich, in einer Internationalen Vorbereitungsklasse (IVK) zu arbeiten, denn wir können den Kindern etwas geben, was sie jahrelang nicht bekommen haben: Sie können ohne Angst lesen und schreiben lernen und zur Schule gehen.“

 

Unterstützer und Förderer

Über den Kernbereich der „Anpassungsqualifizierung“ hinaus werden die ausländischen Lehrkräfte im Rahmen des IQ-Netzwerkes Hamburg – NOBI in drei speziellen Bereichen gefördert: Lehrersprache, interkulturelle Kompetenz und Medienkompetenz. In Trainings bereiten sich die ausländischen Lehrkräfte dazu auf die Bewältigung der herausfordernden Berufspraxis vor. Das Förderprogramm „Integration durch Qualifizierung (IQ)“ wird durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und den Europäischen Sozialfonds gefördert, in Kooperation mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung und der Bundesagentur für Arbeit. Dieses begleitende Projekt zeigt, wie gute Integration in den hiesigen Arbeitsmarkt gelingen kann und dass es dafür der Beteiligung und Anstrengung vieler Akteure bedarf.
Weitere Informationen: http://li.hamburg.de/anpassungsqualifizierung

 

Anerkennung ausländischer Lehramtsqualifikationen

Im Jahr 2014 gab insgesamt 191 Antragstellungen (gleichbleibend gegenüber dem Vorjahr), eine ausländische Qualifikation auf eine Möglichkeit der Gleichstellung mit einer hamburgischen Lehramtsbefähigung zu prüfen. Davon sind 7 Anträge von männlichen und 184 von weiblichen Lehrkräften aus insgesamt 54 Ländern. 68 Antragsteller kamen aus den Ländern der Europäischen Union und 123 aus Drittstaaten. Spitzenreiter der Drittstaaten sind die Russische Föderation mit 40 Anträgen, gefolgt von der Ukraine mit 22 und Kasachstan mit 7 Anträgen. Dann folgen die Türkei mit 6 Anträgen und der Iran mit 5 Anträgen. Die Länder der EU, aus denen die meisten Antragstellenden kommen, sind Polen mit 14 Anträgen, Spanien mit 10 Anträgen und Österreich mit 7 Anträgen. Dann folgen Griechenland und Großbritannien mit jeweils 5 Anträgen, Bulgarien und Portugal mit jeweils 4 Anträgen.

148 Anträge aus dem Jahr 2014 wurden beschieden. 43 Anträge waren aus dem letzten Quartal, der Bescheid konnte also nicht mehr im Jahr 2014 erfolgen, oder die Unterlagen waren noch nicht vollständig.

Von den beschiedenen Anträgen aus dem Jahr 2014 führten 33 zu Gleichstellungen mit einem Zweiten Staatsexamen (22 %), also einer Lehrbefähigung mit zwei Fächern, und 26 zu Gleichstellungen mit einer Lehrbefähigung mit einem Fach als einer Teilleistung einer Zweiten Staatsprüfung (18 %). 59 Anträge (4 0%) führten also zur sofortigen Möglichkeit der Bewerbung für den Schuldienst. In 38 Fällen wurde eine Gleichstellung mit einem Ersten Staatsexamen (also mit 2 Unterrichtsfächern) ausgesprochen, wobei wegen mangelnder Schulpraxis eine Anpassungsqualifizierung erforderlich ist, bevor eine völlige Gleichstellung erfolgen kann. In 27 Fällen ist für ein Fach eine Gleichstellung mit einer Teilleistung eines Ersten Staatsexamens ausgesprochen worden, auch hier ist eine Anpassungsqualifizierung erforderlich, um eine Lehrbefähigung (hier mit einem Fach) zu erhalten.

In nur 24 Fällen (16,2 %) wurden Negativentscheidungen getroffen, weil im Herkunftsland kein identifizierbares Lehramt studiert wurde (zum Beispiel kein Fach, sondern allgemein Grundschulpädagogik, oder ein Nicht-Lehramtsstudium).

Text: Jörg Gensel
Ein Pressefoto zum Download (siehe unten)
Teilnehmerinnen der Anpassungsqualifizierung im Seminar im Landesinstitut (9 MB).
Copyright: Landesinstitut, Markus Hertrich
Verwendung nur in Zusammenhang mit einer Berichterstattung zum Thema Weltlehrertag und/oder Anpassungsqualifizierung.

Kontakt

Behörde für Schule und Berufsbildung
Peter Albrecht
Pressesprecher
Tel. (040) 428 63-2003,
E-Mail: peter.albrecht@bsb.hamburg.de


Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung
Angela Nitschkowski
Tel. (040) 42 88 42-423
E-Mail: angela.nitschkowski@li-hamburg.de

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