Montag, 12.11.2012

"Das Wichtigste bei der Entwicklung einer inklusiven Bildung ist der Wandel in den Köpfen."
(Wilfried Steinert, ehemaliger Schulleiter der Waldhofschule Templin)

Montag, 12.11.2012

Es geht um verbesserte (Unterrichts-)Konzepte und um einen Wandel in den Köpfen der Menschen. Gestern begann am Hamburger Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung die Tagung „Inklusion – Normal ist die Vielfalt“. In mehr als 70 Einzelveranstaltungen, darunter Workshops,  Hospitationen, Trainings und Kurzvorträge, erhalten die Teilnehmer vier Tage lang Anregungen und Ideen, Inklusion in Schule und Unterricht umzusetzen. Schon zur Auftaktveranstaltung am Montagnachmittag kamen rund 300 Teilnehmer.

„Markt der Kooperationen“ – Engagement in Sachen Inkusion

vergrößern Kooperationsstände Tagung Inklusion (Bild: Carsten Thun) Viele Besucher nutzten die Zeit vor den Eröffnungsreden von Schulsenator Ties Rabe und Institutsleiter Prof. Dr. Josef Keuffer, um sich auf dem „Markt der Kooperationspartner“ bei verschiedenen Institutionen über deren Unterstützungsangebote für Menschen mit Behinderungen zu informieren. Etwa bei Silke Dammann vom der Hamburger Landesarbeitsgemeinschaft für behinderte Menschen, die Rollstuhlfahrern das Fahren mit U- und S-Bahn beibringt. Bei der Lebenshilfe, deren Integrationsassistenten Schülern beim Verrichten alltäglicher Aufgaben zur Hand gehen. Oder bei der Pädagogischen Kinderbuchhandlung Päki, die Unterrichtsmaterial für die inklusive
Grundschule bis zur Sekundarstufe II anbietet. Auch an den kommenden Tagen können sich die Besucher zwischen 13.30 und 16 Uhr an insgesamt 16 Ständen in Sachen Inklusion informieren und vernetzen.

Schulsenator Ties Rabe bezeichnet Inklusions-Entwicklung in Hamburg als stürmisch
Sein Institut verspreche sich von der Großveranstaltung eine „Initialzündung“, sagte Direktor Prof. Dr. Josef Keuffer in seiner Eröffnungsrede. Das Wort Inklusion werde heutzutage zwar häufig erwähnt, doch längst nicht alle wüssten über dessen Bedeutung Bescheid. Dabei habe das Thema, so Keuffer, durch die Änderung des Schulgesetzes 2010 „politischen Rückenwind“ erhalten. Den bezeichnete Schulsenator Rabe sogar als „stürmisch“.
vergrößern Senator Ties Raber eröffnet die Tagung Inklusion (Bild: Carsten Thun) Es sei „ein Riesenschritt an allen anderen Bundesländern vorbei“, dass in Hamburg Eltern das Recht auf die Wahl einer inklusiven Beschulung ihrer Kinder hätten. „Damit können wir schon übernächstes Jahr bundesweit an der Spitze liegen“, sagte Rabe, der sich eine Steigerung der Inklusionsquote von 16 Prozent in 2010 auf 80 Prozent im Jahr 2015 vorstellen kann. Auch Schleswig-Holstein, wo der Anteil der inklusiv beschulten Kinder aktuell bei 40 Prozent liegt, wäre dann überholt. Die „rasante Entwicklung“ sei lange gewünscht worden, so der Bildungssenator. Doch sie bringe auch Herausforderungen mit sich, die bewältigt werden müssten – etwa durch zusätzliches Personal, Sprachförderung und andere Hilfsmaßnahmen. „Hier ändert sich die gesamte Schulwelt, damit das klappt“, betonte er. Bildungseinrichtungen wie die inklusive Schule Langbargheide in Lurup, die mit dem Jakob-Muth-Preis ausgezeichnet wurde, würden schon jetzt zeigen, wie es geht.

In einer Brandenburger Schule wird Integration gelebt
Einer, der besonders gut weiß, wie Inklusion funktionieren kann, ist Wilfried Steinert. Er war lange Leiter der Waldhofschule in Templin (Brandenburg), die eigentlich eine Förderschule für geistig behinderte Kinder war. 2003 wandelte Steinert sie in eine integrative Grundschule um – 50 Prozent der Schüler gelten hier als förderbedürftig. Für die gelebte Integration und die herausragenden Leistungen der Schüler wurde die Einrichtung 2010 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet. Seinem gebannten Publikum erzählte Steinert von schwierigen Schülern, die er an seiner Schule aufgenommen hatte. Von dem Jungen, vor dem ihn eine Kindergärtnerin mit den Worten gewarnt hatte: „Der nimmt alles auseinander!“, und der durch besondere Fördermaßnahmen doch noch ein guter und engagierter Schüler wurde. Oder von der neunjährigen Glasknochenpatientin, die – klein wie ein Säugling – noch nie eine Schule besucht hatte, weil ihre Mutter es ihr nicht zumuten wollte. Und die dann die restlichen eineinhalb Jahre ihres Lebens in einem Spezialbett oder auf dem Schoß von Mitschülern am Schulleben teilnahm.

vergrößern Eröffnungsvortrag von Wilfried W. Steinert, ehem. Schulleiter der Waldhofschule Templin (Bild: Carsten Thun) „Bislang haben wir überlegt, ob ein Kind schulfähig war“, so Steinert. „Jetzt müssen wir uns überlegen, was wir tun können, damit das Kind an der Schule optimal lernen kann.“ Dafür gelte es, „angemessene Vorkehrungen“ zu treffen: ebenso selbstverständlich wie Brille und Rollstuhl müsse beispielsweise auch ein Sprachcomputer sein, der Autisten das Kommunizieren erleichtere. „Ich möchte Hamburg Mut machen, den Weg weiterzugehen, der hier begonnen wurde“, sagte Steinert nach seinem mit Begeisterung aufgenommenen Vortrag. In zehn Jahren, so der Inklusionsexperte, könnten Hamburgs Schulen ebenso weit sein wie Templin – Schüler müssten nur als positive Ressource wahrgenommen werden.

 

Zum Abschluss Bastian Bielendorfer und Jazz

vergrößern Lesung (Bild: Carten Thun) Als Günther Jauch ihm die 8000-Euro-Frage stellte, musste Bastian Bielendorfer passen und rief seinen Vater an, einen Gymnasiallehrer. Der stauchte ihn erst mal zusammen – was dazu führte, das Jauch und er sich im Anschluss über sein Schicksal als Lehrerkind unterhielten (seine Mutter
war Grundschullehrerin). Bielendorfer erwähnte etwas von Büchern, die er darüber schreiben könne. „Und am nächsten Tag riefen gleich fünf Verlage an und wollten mein Manuskript haben“, so der Autor, der sich seit 26 Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste hält.

Immer wieder erntete Bielendorfer Gelächter, als er erst erzählte, wie er nachts schnell 40 Seiten geschrieben habe – die tatsächlich angenommen wurden – und dann aus seiner Autobiographie vorlas. In „Lehrerkind: Lebenslänglich Pausenhof“ rechnet er schonungslos und voller Witz mit seiner Lehrern ab, einschließlich der eigenen Eltern. Sein Vater etwa schickte ihn einmal zum ersten April nur mit einer Unterhose bekleidet zur Schule: Es sei „Wäschetag“, erzählte er seinem Sohn, eine Solidaritätsaktion mit den armen Kindern in Afrika, die ja auch keine Kleidung trügen. „Ich habe einen Monat kein Wort mit meinem Vater geredet – meine Mutter hat sogar noch länger durchgehalten“, ulkte Bielendorfer, der anschließend über Sportlehrer (ballonseidene Anzüge und ein Job, der intellektuell so anspruchslos wie Schwarzbrot ist) und über Eltern herzog, die in fehlerhaftem Deutsch die Lehrer für die schlechten Leistungen ihrer Kinder verantwortlich machen.

Lesung und Vorträge waren ein voller Erfolg – darüber war man sich einig, als der erste Tag des Inklusionsseminars mit Jazzmusik und guten Gesprächen im Bistro des Landesinstituts ausklang. (Friederike Ulrich)

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