Dienstag, 13.11.2012

"Jeder von uns trägt Fähigkeiten in sich. Bei Behinderungen oft eine, die sich besonders lohnt zu bergen."(Andreas Schneider, querschnittsgelähmt, Produzent des Films "Gold - Du kannst mehr als du denkst")

Dienstag, 13.11.2012

Hospitationen, Schulleitungsworkshops, Trainings- und Fachangebote, Vorträge und sogar Rollstuhlbasketball – die Inklusions-Tagung des Landesinstituts lockte am zweiten Tag mit einem umfangreichen Programm rund 300 Teilnehmer an. „Wir freuen uns über das große Interesse und die Zufriedenheit unserer Gäste“, sagen Dr. Mareile Krause (Abteilung Fortbildung) und Thomas Krall (Abteilung Ausbildung) vom Veranstaltungsteam.

Hospitation an der Erich-Kästner-Schule

Ungeniert lümmeln sich die Schüler auf ihren Stühlen. Manche haben ihren Oberkörper auf dem Tisch vor ihnen abgelegt, andere ihre Füße. Sie haben die Augen geschlossen, sich Tücher oder Kapuzen über den Kopf gezogen – und sind das erste Mal an diesem Vormittag alle gleichzeitig ruhig, entspannt und leise. Von den drei Hospitationsgästen, die hinten in der Ecke sitzen, lassen sie sich nicht stören. Aufmerksam lauschen sie den Worten von Nina Wilm, die ihnen zu leiser Musik eine Geschichte vorliest. Die Lehrerin hat ihre Schüler auf eine Zeitreise mitgenommen, ist mit ihnen auf einem fliegenden Teppich in eine mittelalterliche Stadt geflogen. Jetzt beschreibt sie ihnen die Szenerie dort – den Gestank, die eigentümlich gekleideten Menschen und die schiefen Häuser. Sie liest schon seit mehreren Minuten, und es hat lange gedauert, bis wirklich alle Schüler zur Ruhe gekommen sind. Doch sie haben es geschafft. Als die Geschichte zu Ende ist, fängt Nina Wilm an, rückwärts von 10 bis 0 zu zählen. Zu jeder Zahl gibt sie einen kleinen Hinweis. Bei 9 etwa: „Atme einmal tief durch!“, bei 5: „Strecke deine Arme aus!!“, und bei 4: „Es ist schön, dass du entspannt sein kannst.“

Das ist ein Zustand, den die wenigsten Kinder in dieser Schule kennen – auch heute musste Lehrerin Wilm eine ganze Weile vorlesen, bis sich auch der letzte Schüler darauf einlassen konnte, die Augen zu schließen und still zu sitzen.

 

Die Erich-Kästner-Schule liegt in Farmsen-Berne, einem Gebiet, in dem die Schüler größtenteils aus schwierigen sozialen Verhältnissen kommen. „Mehr als die Hälfte unserer Schüler hat einen erhöhten Förderbedarf“, hatte Schulleiter Andreas Giese beim Einführungsgespräch zu den 15 Hospitationsgästen gesagt, die sich im Rahmen der Inklusions-Tagung des Landesinstituts heute an dieser Schule umschauen. Durch diese hohe Zahl der Förderschüler ist die Schule personell gut ausgestattet.

In der 6e gibt es viele verhaltensauffällige Schüler, ein körperbehindertes Mädchen sowie einige Jungen mit psychischen Störungen. Außer Nina Wilm gehören noch die Sonderpädagoginnen Maren Berger und Katrin Wölfel zu dem für sie zuständigen Team. Karin Wölfel hat mit einem Schüler die Klasse gleich nach dem Morgenkreis verlassen. Er leidet am Tourette-Syndrom und an ADS. Zwei von acht Wochenstunden Projektunterricht verbring er in einer kleinen, klassenübergreifenden Schülergruppe mit dem Erlernen von Alltagskompetenzen wie Schnürsenkelbinden oder Flaschenöffnen. Nina Wilm und Maren Berger führen den Projektunterricht heute zu zweit durch. Sie gestalten ihn so abwechslungsreich, dass den Schülern auch nach eineinhalb Stunden noch nicht langweilig geworden ist. Im Gegenteil: Für Schüler mit Förderbedarf machen sie erstaunlich gut mit. Kein Kinder wird aggressiv, jeder hört dem anderen zu, fast alle beteiligen sich am Unterricht, kaum einer hat Scheu, sich zu melden oder etwas zu sagen.

Gegenseitige Wertschätzung ist eine Beobachtung, die alle Hospitationsgäste an der Schule machen. Das wird deutlich, als sich alle nach eineinhalb Stunden erneut mit Schulleiter Andreas Giese zur Nachbesprechung treffen. Noch genannt wurden: eine gute Klassenstruktur, multiprofessionelle, warmherzige und zufrieden wirkende Teams, sowie eine hohe Selbständigkeit der Schüler.

Als Nina Wilm die Klasse am Anfang des fünften Jahrgangs übernommen hat, war es dort ziemlich chaotisch. „Die Schüler hatten verschiedene Lehrerwechsel hinter sich, kein Selbstbewusstsein und waren sehr aggressiv“, sagt die Lehrerin. Mit Geduld und einem besonderen pädagogischen Konzept konnten sie und die beiden Sonderpädagoginnen das Klassenklima deutlich verbessern. „Wir bestärken die Kinder positiv, machen wenig Kompromisse und strukturieren den Unterricht durch klare Zeitvorgaben“, sagt Nina Wilm. Dass die Schüler Vertrauen zu dem Pädagogenteam aufbauen konnte, ist auch der Tatsache zu verdanken, dass die drei Frauen fast ausschließlich in dieser Klasse unterrichten. Bestehen Konflikte, die nicht nur mit disziplinarischen Maßnahmen gelöst werden können, gibt es an der Schule verschiedene Möglichkeiten. In einem mit Sportgeräten ausgestatteten Trainingsraum sowie dem sogenannten Prisma-Raum können sich die Kinder etwa an Sportgeräten oder Materialien etwa aus dem Montessori-Bereich „abarbeiten“. Außerdem gibt es einen Schulzoo, einen Therapieraum, in dem Ergo-, Physio- und bald auch Logopädie angeboten werden, sowie Kurse für Verhaltenstraining. Dorthin schickt auch Nina Wilm manche ihrer Schüler, denn trotz aller pädagogischen Erfolge geht es so ruhig wie an diesem Vormittag nicht immer zu in der 6e.

 

Gold – Du kannst mehr als du denkst

Dass man gerade mit einer Behinderungen weit über sich hinauswachsen kann, zeigt Produzent Andreas Schneider, Geschäftsführer der Parapictures Film Production, in seinem eindrucksvollen Film „Gold – Du kannst mehr als du denkst“. Dort stellt er die Geschichte von drei erfolgreichen Hochleistungssportlern vor: Schwimmerin Kirsten Bruhn aus Schleswig-Holstein, nach einem Motorradunfall querschnittsgelähmt, gewann bei den Paralympics in London Gold; Kurt Fearnley aus Australien, durch einen Gendefekt ohne den unteren Teil seiner Wirbelsäule geboren wurde, gewann fünf  Weltmeisterschaften und 20 Marathons im Rollstuhl; und Henry Wanyoike aus Kenia, der mit 17 Jahren über Nacht erblindete, schon viele Marathon-Läufe gewann und dieses Jahr der große Star der Paralympics in London war.

Packend berichtete Andreas Schneider, der selbst nach einem Badeunfall im Rollstuhl sitzt, von der Realisierung des Films, der im nächsten Jahr in die Kinos kommen soll. „Uns war klar, dass die Gefahr besteht, an den Kinokassen zu scheitern“, sagt Schneider. „Normalerweise erreicht man mit Dokumentarfilmen nur rund 10.000 Besucher.“ Um das zu verhindern, haben er und seine Partner eine große Werbekampagne gestartet – und werden dabei von Sponsoren wie Lufthansa oder Barmer Ersatzkasse unterstützt. Wie ernst der Film schon im Vorfeld genommen wird, zeigt auch, dass Schneider eine öffentliche Förderung von insgesamt einer halben Million Euro bekommt und außerdem von Institutionen wie dem Bundeskanzleramt, dem Bundestag, den Vereinten Nationen, dem Hamburger Senat, dem Deutschen Behindertensportverband und vielen anderen unterstützt und von renommierten Film-Verleihern ins Programm genommen wird. #

Wohin mit der Wut?

Wie können Kinder mit Stress, Wut und anderen schwierigen Gefühlen umgehen? Das wollten die 18 Teilnehmer des Trainingsseminars von Barbara Kunze wissen. Zunächst wollte die Präventionsexpertin aus dem Landesinstitut für Lehrerfortbildung von ihnen aber erfahren, wie sie selber reagieren, wenn sie wütend sind. Die Antworten reichten von „Türen knallen“ und  „schimpfen“ bis zu „Sport treiben“. Fazit von Barbara Kunze: „Es ist gut, wenn man weiß, was bei Wut zu tun ist.“ Kinder wüssten das oft nicht und würden daher beispielsweise einen Stuhl kaputt machen oder jemanden angreifen. Es gelte also, Möglichkeiten herauszufinden, wie jeder seine eigene Wut bekämpfen könne. Dazu müsse man aber in der Lage sein, die Gefühle benennen zu können. Sprachförderung in diesen Bereichen sei daher besonders wichtig.

Besonders schwer könnten Kinder Gefühle wie Eifersucht, Hilflosigkeit und Scham beschreiben. „Wir können diese Gefühle nicht therapeutisch behandeln, müssen sie aber ab und zu mal zur Sprache bringen, damit sei verarbeitet werden können“, sagte Kunze.

Um Schüler dabei anleiten zu können, erhielten die Seminarteilnehmer entsprechende Informationen zum Training der Lebenskompetenzen (sogenannte Life-Skills), Materialien und Literaturtipps, lernten Unterrichtsprogramme kennen und machten selber kleine Übungen.

Musik und Kunst – was allen Kindern Spaß macht

Den meisten Spaß an diesem Tag hatten sicherlich die 25 Teilnehmer des Workshops „Ganz Auge – Ganz Ohr – Ganz Da“. Dort gaben Christiane Jasper und Christine Schröder Anregungen für Kunst- und Musikunterricht. Warum die Schüler nicht mal einen Guten-Morgen-Rap singen lassen? Dabei ließen sich neben Singen und Lesen auch die Bereiche Sprachförderung und Körpereinsatz abdecken. Oder Schattentheater veranstalten? Um das auszuprobieren, griffen die Teilnehmer selber zu Schere, Klebstoff und schwarzer Pappe. Sie schnitten Figuren aus, die sie dann an einem Holzstäbchen befestigten. Christiane Jasper legte eine bunt bemalte Folie mit den Overhead-Projektor und stellte Musik an. Dann bat sie die Pädagogen: „Gehen Sie jetzt nacheinander am OVP vorbei und lassen ihre Figuren über das Bild tanzen.“ Das taten sie auch – zunächst verhalten, dann mit immer mehr Spaß. Es war eine lustige Prozession an Schattenfiguren, die da an der Wand entlang tanzte.

Auch die nächste Anregung machte den Erwachsenen Spaß: ausgerüstet mit MP3-Playern (Inhalt des Audio-Koffers, der im Landesinstitut ausgeliehen werden kann) machten sie sich auf den Weg durch die Räumlichkeiten, um Geräusche aufzunehmen, die später vorgespielt und erraten werden sollten. Sonderschullehrerin Christina Grot und Grundschullehrerin Andrea Folkes zeichneten in der VeränderBar das Einschenken eines Drinks und das Klappern der Eiswürfel auf. „Was für eine gute Idee“, sagt Christina Grot. „Das würde all meinen Schülern viel Spaß machen.“ Die MP3-Player eigneten sich auch gut, um Schüler mal ihren Schulweg aufzeichnen zu lassen, sagten Christiane Jasper und Christine Schröder. Vielleicht verbunden mit dem Beschreiben von Gerüchen, denen man unterwegs begegnet.

Kinderparlament und Elterncafé an der Ganztagsgrundschule Eitorf

An der Ganztagsgrundschule im nordrhein-westfälischem Eitorf gibt es viele Besonderheiten. Alle Klassen inklusiv, die Schüler lernen individualisiert, es wird großen Wert auf gesunde Ernährung und das Mitspracherecht der Kinder gelegt, es gibt keine Mathematikbücher, dafür aber Lerntagebücher, eine Dolmetscherin und ein Elterncafé, in dem fast nur türkisch gesprochen wird. Schulleiter Boris Kocea und seine Vorgängerin Uschi Resch waren zur Inklusions-Tagung gekommen, um die mit vielen Preisen ausgezeichnete Einrichtung als eine „Beispielschule“ vorzustellen.

Als Uschi Resch 2005 zunächst als Konrektorin an die Schule kam, wurden dort behinderte Kinder ausschließlich durch Sonderpädagogen betreut. Resch entwickelte die Idee des gemeinsamen Unterrichts, die Sonderpädagogen blieben im Klassenraum. In den Jahren danach führte sie die Verzahnung von Vor- und Nachmittagsunterricht ein, außerdem schaffte sie Mathematikbücher ab und legte einen Schwerpunkt aufs Lesen- und Schreibenlernen. Heute präsentieren die Schüler in Mathe- und Schreikonferenzen, was sie gelernt haben.

„Wir waren noch nie weit weg von Inklusion“, sagt Schulleiter Kocea. „Die Bandbreite unserer Kinder war schon immer sehr groß – da musste der Unterricht sowieso individualisiert werden.“

Die Schüler seien nach der vierten Klasse außerordentlich selbständig und belastbar. Sie könnten Powerpoint-Präsentationen abhalten, hätten Erfahrung in demokratischer Mitbestimmung gemacht (in Kinderparlament, Klassenrat oder Schulversammlung) und könnten ihre Leistungen gut beurteilen (durch Selbsteinschätzungsbögen, visualisierte Kompetenzerwartungen und Zeugnisse, dessen Noten sich aus verschiedenen Kriterien zusammensetzen). Mehr als die Hälfte der Schüler haben einen Migrationshintergrund, daher gibt es an der GGS Eitorf muttersprachlichen Unterricht auf Griechisch und Türkisch. Damit sich auch die Eltern an der Schule wohlfühlen, wurde ein Eltern-Café eingerichtet, das von türkischen Müttern betrieben wird.

 

Rollstuhlbasketball: Bewegung verbindet

Als das letzte Seminar zu Ende war, ging es in der Sporthalle des Landesinstituts erst richtig los.

Peter Richarz, Trainer der Nationalmannschaft Rollstuhlbasketball und dem HSV Rollstuhlsport, lud ein, mal selber  in den Rollstuhl zu steigen und mit einigen seiner Sportlern Basketball zu spielen. Doch zunächst mussten sich die „Läufer“ mit den Eigenschaften das ungewohnten Gefährts vertraut machen. Los ging's mit dem Spiel „Mönckebergstraße“, bei dem Rollifahrer und Läufer schnell durcheinanderwuselten, sich aber rechtzeitig ausweichen sollten. Weil schon die ersten Amateure in Rollstühlen saßen, gab es – unter großen Gelächter – ein paar kleinere Karambolagen.

Dann ging es ans Sicherheitstraining: losrollen und bremsen, immer im Wechsel. „Wichtig dabei ist, dass ihr euren Körperschwerpunkt beachtet“, sagte Trainer Richarz. „Beim Losfahren neigt ihr den Oberkörper nach vorne, wenn ihr bremst oder in die Kurve fahrt, nach hinten. Aber nicht zu weit – sonst fallt ihr raus.“ Auch das Bremsen wurde geübt: Daumen und Zeigefinger zusammengepressten, aber langsam, damit man nicht vorneüberkippt.

Dann kamen die ersten Basketbälle zum Einsatz. Katrin Heinig, Leiterin des Projekts Inklusion, kommentierte: „Zusammen Sport zu treiben ist eine Super-Erfahrung. Rollstuhlbasketball sollte viel mehr in den Schulsport integriert werden. Schließlich ist es die einzige Möglichkeit, Sport inklusiv auf Augenhöhe zu betreiben.“ (Friederike Ulrich)

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