Mittwoch, 14.11.2012

"Es gibt beim Thema Inklusion auf beiden Seiten noch viele Berührungsängste, die es gilt, abzubauen."(Sabine Tesche, Redakteurin beim Hamburger Abendblatt)

Mittwoch, 14.11.2012

Auch gestern standen auf der Inklusions-Tagung des Hamburger Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung spannende Veranstaltungen auf dem Programm. Am Vormittag gab es Hospitationen in der Clara-Grunwald-Schule, der Stadtteilschule Lohbrügge und der Stadtteilschule Eppendorf sowie einen Workshop für Schulleitungen von Gymnasien. Nachmittags erläuterte Abendblatt-Redakteurin Sabine Tesche, wie ihre Zeitung mit dem Thema Inklusion umgeht, danach folgten Fach- und Trainingsangebote, in denen sich die Teilnehmer mit spezifischen Themen wie Mobbing, Sozialverhalten, Arbeit mit Förderplänen, Sprachbildung und  inklusivem Unterricht beschäftigten. Am Abend wurde das Puppentheaterspiel “Schneewittchen steigt aus” von Petra Albersmann aufgeführt. 

Inklusion – für Journalisten ein schwieriges Wort

„Dieser schreckliche Begriff kommt nicht auf die Titelseite!“, sagte der Chefredakteur des Hamburger Abendblattes einmal über das Wort Inklusion. Abendblatt-Redakteurin Sabine Tesche wollte es für die erste Seite des Kirchenmagazins „Himmel&Elbe“ verwenden, als Hinweis auf einen Artikel über eine Schülerin, die im Rollstuhl sitzt und trotzdem voll in ihrer Klasse integriert ist. Für die Titelseite fand sich eine andere Lösung, Sabine Tesche aber trieb die Problematik um. „Für uns Journalisten ist Inklusion ein viel zu unkonkretes und unspezifisches Wort“, sagte sie. Es gebe viele Leser, die sich kaum etwas darunter vorstellen könnten. Bezeichnungen wie „Menschen mit  Assistenzbedarf, Förderbedarf oder besonderen Talenten“ seien zu ungenaue Angaben. „Der Leser will wissen, wovon wir sprechen“, sagte die Redakteurin. „Dass das Wort ,Behinderung'  nicht mehr vorkommen darf, bedeutet für uns Journalisten ein Ringen um die richtige Wortwahl.“

Davon unabhängig sei die Inklusions-Berichterstattung in den Medien oft negativ. „Zu wenig“, „zu schnell“, „ernüchternd“, „ein Reizwort“ – so wurde Inklusion in Zeitungsüberschriften dargestellt, die Sabine Tesche vorlas. „Wir haben versucht, es mal anders zu machen“, sagte die Journalistin. Eine Kollegin habe über ein Kind mit erhöhtem Förderbedarf an einer Schule berichten wollen – und sich die „Finger wundgewählt“, um ein solches zu finden. „Keine Schule wollte mitmachen“, sagte Sabine Tesche. "Auch an dieser Stelle sind die Berührungsängste noch groß." 

Wörter ordnen im inklusiven Deutschunterricht

„Wie kann individuelles Lernen und damit inklusiver Unterricht realisiert werden, wenn alle Kinder miteinander an einer gemeinsamen Aufgabe arbeiten sollen?“ Diese Frage stellte Landesinstituts-Mitarbeiterin Claudia Baark den Teilnehmern ihres Seminars „Inklusiver Deutschunterricht“. Es sollte an einem Beispiel aus dem Kompetenzbereich „Sprache untersuchen“ gearbeitet werden, konkreter: es ging darum, Wörter in Gruppen zu ordnen.

Um zu veranschaulichen, was sie meinte, hatte Claudia Baark verschiedene Legosteine mitgebracht. „Die kann man nach verschiedenen Kriterien ordnen: nach Farben, Formen oder der Anzahl ihrer Hubbel“, sagte sie. Ebenso könne man Wörter in unterschiedliche Gruppen einteilen. Sie teilte Briefumschläge mit jeweils etwa 50 scheinbar unzusammenhängenden Wörtern aus: Fahrrad, sonnengelb, Kokospalme, Blüte, süßlich, Unfallstelle, Apfelsaft... Folgendermaßen sollte vorgegangen werden: erst in Einzelarbeit überlegen, dann mit einem Partner die Begriffe ordnen, diese Ordnung einem anderen Paar vorstellen, die Wörtergruppen benennen und das Ergebnis schließlich präsentieren. Die Ergebnisse waren vielfältig: eine Gruppe hatte die Wörter nach Buchstaben-, eine andere nach Silbenanzahl getrennt, andere hatten Gruppen wie „Verkehr“, „Natur“ und „Farben“ gebildet, wieder andere in Groß- und Kleinschreibung eingeteilt.

Danach sollten die Gruppen besprechen, wie und ob man diese Aufgabe einer typisch heterogenen vierten Klasse mit drei auffälligen Schülern stellen könne: Johanna, überdurchschnittlich begabt, Maik, der nicht sprechen mag, aber kreativ und von schneller Auffassungsgabe ist, und Janine, mit Down-Syndrom und reduzierter Merkfähigkeit. Hier fielen die Ergebnisse weniger unterschiedlich  aus: Man würde das Material auf die Bedürfnisse der Kinder umgestalten, das heißt, die Anzahl der Karten reduzieren, die Silben unterschiedlich farbig markieren, Johanna Blankokarten beschriften oder eine Geschichte aus den geordneten Wörtern schreiben lassen, Janine genaue Arbeitsanweisungen geben und Maik mit einem Partner arbeiten lassen, bei dem er sich zu sprechen traut.

„Es ist immer eine Frage von Inklusion, wie offen ich mit den Stärken und Schwächen der Schüler umgehe“, sagte Claudia Baark zum Abschluss. Im Fach Deutsch „wimmele“ es an Chancen, gute und komplexe Aufgaben für einen inklusiven Unterricht zu finden. 

Welche Regeln stelle ich auf?

Zu spät kommen, dazwischenrufen, durch die Klasse laufen, körperliche Attacken, zerstören von Schuleigentum, klauen und jemanden bedrohen – im Seminar von Tammo Krüger und Jens Richter beschäftigten sich die Teilnehmer zunächst mit der Frage, welche Regeln im Klassenraum eigentlich unabdingbar und welche hilfreich sind. Danach ging es darum, ob denn überhaupt alle Schüler in der Lage sind, bestimmte Regeln einzuhalten – und was für Regeln man eigentlich aufstellt. „Es ist extrem wichtig, sich das klar zu machen“, sagte Jens Richter. Folgende Fragen müsse man mit sich klären: Was sind für mich harte Gesetze? (Ich sage immer etwas). Welches sind weiche Regeln? (Ich sage es nach Situation). Und gibt es Sonderregeln? (Ich interveniere nicht bei jedem Schüler gleichermaßen, weil sie unterschiedlich sind). 

Schüler nach Plan fördern

Sonderpädagogische Förderung ist ein Versprechen, dass es einzulösen gilt, findet Edda Laudahn. Förderpläne können dabei ein hilfreiches Werkzeug sein. Den Teilnehmern ihres Seminars „Arbeit mit Förderplänen“ gab sie zunächst die Anleitung, wie sich eine kooperative Förderplanung erstellen lässt: Von Vorbereitung über Bestandsaufnahme, Ziele und pädagogische Angebote bis zur gemeinsame Beratung der Fördervorschläge und der Auswertung der Förderplanung. „Dabei gibt es gewisse Qualitätskriterien“, sagte Edda Laudahn. So sollten sich die Inhalte des Förderplans am aktuellen Stand des Schülers orientieren, Fachbereiche aus verschiedenen Lern- und Lebensbereichen enthalten, sich auf zwei bis drei vordringliche Förderziele beschränken, für alle an der Planung beteiligten Personen verbindlich sowie vollständig dokumentiert sein.

„Es ist wichtig, einfach strukturierte Sätze zu verwenden“, sagt die Pädagogin. Die Ziele sollten sprachlich verständlich formuliert, erreichbar und (auch vom Schüler) überprüfbar sein. Formulierungen könnten hier sein: Ich mache meine Hausaufgaben; oder: ich melde mich mehr im Unterricht. Eine einfache Formulierung ist wichtig, weil nicht nur die Lehrer, sondern auch der Schüler mit dem Förderplan arbeiten soll. Damit er ihn täglich vor Augen hat, sollte man ihn gut sichtbar machen, etwa in der Federtasche, am Tisch oder an der Wand.

Im zweiten Teil der Veranstaltung ging es um die Rückmeldung bei Lernzielen. „Auch hier sollten die Sätze in Ich-Form und im Präsens formuliert sein“, sagte Edda Laudahn. Etwa: Ich habe mein Ziel nicht erreicht, weil...; oder: Ich bin meinem Ziel näher gekommen, da.... Um einschätzen zu können, wie sich der Schüler dabei fühlt, kann man mit Bildern arbeiten. Eine Figur, die einen Karton auf einem Finger balanciert, ein Smiley oder ein Männchen, das in die Luft springt, bedeuten: Es geht mir gut. Je größer die Anzahl der Kartons wird (bis zu fünf), je trauriger der Smiley oder je mehr das Männchen zu Boden geht, desto trauriger und erschöpfter ist auch der Schüler. (Friederike Ulrich)

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