Donnertag, 15.11.2012

"Inklusion ist toll. Mann kann an Verschiedenheit große Freude haben."
(Sonderpädagogin und Tagungs-Dauergast Petra Bauer)

Tagung Inklusion, Normal ist die Vielfalt, Bericht des Tages, Donnerstag

Schulsenator Ties Rabe hatte es in seinem Eröffnungsvortrag gesagt: Inklusion wird in Hamburg in einem „abenteuerlichen und stürmischen Tempo“ umgesetzt. Noch gibt es viele Unsicherheiten. Das Landesinstitut für
Lehrerfortbildung und Schulentwicklung bot auf seiner Tagung „Inklusion – Normal ist die Vielfalt“ viele Workshops und Seminare zu dem Thema an. Schulen, an denen Inklusion bereits Alltag ist, berichteten aus ihrer Praxis. „Auf der Tagung wurde deutlich, an der Inklusion arbeiten alle Schulen am selben Thema unabhängig von der Schulform. Und wenn wir auch noch am Anfang eines großen gesellschaftlichen Auftrags stehen, gibt es viele Verbündete und ganz viele erfreuliche Ansätze. Jeder konnte auf der Tagung Ideen zur Weiterentwicklung an seiner Schule mitnehmen. Auch wir im Landesinstitut haben gelernt, in welche Richtung wir weiterarbeiten müssen“, sagen die Veranstalter Mareile Krause, Thomas Krall und Tilman Kressel.

Der Weg zur inklusiven Schule – Tipps von Schulleitern
Die Regine-Hildebrandt-Schule im brandenburgischen Birkenwerder, nicht weit von Berlin, ist bereits seit Ende der 90-er Jahre eine inklusive Schule. Sie entstand aus der Fusion einer Gesamtschule ohne und einer Körperbehindertenschule mit gymnasialer Oberstufe und führt heute als gebundene Ganztagsschule von der siebten Klasse bis zum Abitur. Alle 724 Schüler – unter ihnen 89 mit teilweise hohem Förderbedarf – lernen im gemeinsamen Unterricht von- und miteinander, denn die Aufteilung in Regel- und Förderklassen wurde abgeschafft. „Alles, was heute unter Inklusion läuft, ist eigentlich gemeinsamer Unterricht“, sagt der ehemalige Schulleiter Hansjörg Behrendt, der mit seiner Nachfolgerin Kathrin Voigt am Donnerstag während der Inklusions-Tagung über seine Erfahrungen auf dem Weg zur Inklusions-Schule berichtete.

Das Kollegium an der Regine-Hildebrandt-Schule besteht aus 73 Lehrern, davon sind 13 Sonderpädagogen, außerdem sieben Referendaren, einem Sozialarbeiter, sechs pädagogischen Hilfen und einem Physiotherapeuten. Es gibt 24 inklusive Klassen in der Sekundarstufe I und neun in der Sekundarstufe II. Die Klassenleitung liegt in den meisten Fällen in der Hand von zwei Pädagogen, von denen jeder gleichberechtigt und gleichermaßen verantwortlich für die Schüler ist. Jeder unterrichtet zwei, meistens sogar drei Fächer in der Klasse – und hat daher einen guten Überblick über das, was in der Klasse passiert. Die Klassenlehrer der sechs Parallelklassen bilden ein Jahrgangsteam, in dem alle Fachrichtungen vertreten sind. Eine äußere Fachleistungsdifferenzierung gibt es nicht, vor allem in den Kernfächern wird ein Zweitlehrer eingesetzt. „So müssen wir nicht mehr die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen stecken“, sagt Hansjörg Behrendt. Er ist stolz darauf, dass seine Schüler 2010 überdurchschnittliche Lernerfolge erzielen konnten, 2011 machten sogar vier Förderschüler Abitur.

Nicht nur die Schüler bezeichnen sich als sehr zufrieden, auch unter den Lehrern ist die Arbeitszufriedenheit hoch – obwohl sie meistens von 7.35 bis 16.35 Uhr an der Schule sind. „Wir muten ihnen viel zu, aber sie haben das Gefühl: es lohnt sich und wird wertgeschätzt“, so Behrendt. So engagiert
sich auch jeder Lehrer in einem der vielen Gremien für das Wohl der Schule: in der Evaluationsgruppe, der Gruppe für Ganztagsgestaltung, Öffentlichkeitsarbeit, Internationales (Schüleraustausch), Organisation oder Unterrichtsentwicklung.

Nach der Kaffeepause war Zeit für Fragen aus dem Plenum.
Hier eine Auswahl:

Mussten die Eltern hinsichtlich der inklusiven Arbeit überzeugt werden?
„Jetzt nicht mehr“, sagte Kathrin Voigt. „Mittlerweile sind wir eine stark nachgefragte Schule und müssen jedes Jahr die Hälfte der Bewerber abweisen.“ Vor der Fusion allerdings habe es eine lange Vorbereitungsphase mit vielen Elternveranstaltungen gegeben. Besonders die Eltern aus der Körperbehindertenschule hätten sich vor der “wilden Horde“ aus der damaligen Gesamtschule gefürchtet, sagte Schulleiterin Voigt.

Haben sich Regelschullehrer über den inklusiven Unterricht beschwert?
„Eher nicht“, antwortete Kathrin Voigt. Der Grund: An der Regine-Hildebrandt-Schule stellen sich die Klassenlehrer ihre künftige Schülergruppe selber zusammen. Dabei dürften sie sie sich absprechen – es müsse nur gewährleistet werden, dass jede Klasse drei bis vier Intergrationsschüler aufnehme,
und die Anzahl von Jungen, Mädchen und leistungsstarken Schülern gleich sei.

Woher bekommen die Kollegen Informationen über ihre künftigen Schüler?
„Bei uns läuft das Feststellungsverfahren bis Dezember, dann bilden wir die Teams für die neuen siebten Klassen“, sagt Kathrin Voigt. Die Lehrer bekämen schon im Vorfeld Unterlagen über eventuelle Krankheitsbilder oder Behinderungen. Oft hospitierten sie auch an den Grundschulen und gucken sich dort die Kinder schon mal an. Wie bilden sich die Klassenlehrer-Teams? „In 70 Prozent der Fälle finden sich die Kollegen selbst“, sagt Schulleiterin Voigt. Es gebe allerdings auch Notgemeinschaften. Wenn eine Klasse wegen einer ungünstigen (Fach-)Lehrerkonstellation aus dem Ruder zu laufen drohe, bessere eine Steuerungsgruppe nach.


Natürliche Differenzierung
Zehn Jahre war Günter Krauthausen Grundschullehrer, zehn Jahre Fachamtsleiter, jetzt ist er Professor für Mathematik an der Uni Hamburg. Als Mathematikdidaktiker beschäftigt er sich mit der Vermittlung seines Faches auch an Grundschulen – und ist ein großer Kritiker der traditionellen
Differenzierung. Diese sei „das Gebot der Stunde und der Grundschule überhaupt“, habe 1977 eine ältere Kollegin zu ihm gesagt. „Ich habe das für bare Münze genommen und sofort angefangen, Arbeitsblätter mit Aufgaben verschiedener Schwierigkeitsgrade in unterschiedlichen Farben zu drucken“, sagte er. Das sei sehr mühsam gewesen. Als Quelle für ihre Aussage habe seine Kollegin ein Buch genannt, dessen Differenzierungs-Empfehlungen seit 35 Jahren immer wieder in Lehrbüchern aufgegriffen würden. „Es gibt drei Kategorien von Fachliteratur“, so Krauthausen. „Die erste ist sehr unkonkret und wenig hilfreich, bei der zweiten werden Beispiele genannt – aber nicht aus dem Bereich Mathematik,
und die dritte beschäftigt sich zwar mit Mathematik – bietet uns Kritikern dabei aber die schönsten Gegenbeispiele.“

Individualisierung sei oft isoliertes Lernen ohne Kommunikation über den Sachverhalt. Das gehöre aber zum sozialen Lernen unbedingt dazu. Kumulatives Wissen ließe sich durch individualisiertes Lernen anhäufen, nicht aber strukturelles Wissen. „Wenn Kinder einen Auftrag bekommen, bearbeiten sie ihn – und dann?“, fragte Krauthausen. Kaum eines würde von sich aus tiefer in den mathematischen Sachverhalt einsteigen. Zudem müsse bedacht werden: Wenn Kinder sich ihren Arbeitsauftrag selber aussuchten, nach welchen Kriterien gingen sie vor? Hat das Arbeitsblatt ihre Lieblingsfarbe? Oder die einfachsten Aufgaben? „Aufgaben brauchen eine didaktische Rahmung“, sagte Krauthausen. Am Besten durch die Variation von Problemstellungen.
Seit 2004 existiere der Begriff der „natürlichen Differenzierung“. Seine Hauptmerkmale: ein Lernangebot für alle, das nicht nur pädagogisch, sondern auch inhaltlich ganzheitlich und hinreichend komplex ist; freie Lösungswege und Hilfsmittel sind zugelassen; miteinander reden begünstigt das soziale Lernen. Aber: Man könne nicht garantieren, dass sich das Lernen wirklich ereigne. „Es gibt keinen Zaubertrank, der die ganze Problematik der Inklusion löst“, so der Mathematikexperte. Er könne aber garantieren, dass man sich mit der natürlichen Differenzierung eher dem nähere, was wir wollen, als mit der klassischen Differenzierung. Wichtig dabei seien substanzielle Lernumgebungen: Diese repräsentierten zentrale Ziele, Inhalte und Prinzipien, böten reichhaltige mathematische Aktivitäten, seien didaktisch flexibel und integrierten mathematische, pädagogische und psychologische Aspekte.

So könne man seinen Schülern folgende Aufgaben stellen: Denke dir Aufgaben aus mit dem Ergebnis 100; erfinde Aufgaben mit hohen Zahlen; finde selbst Plus- und Minusaufgaben mit den Zahlen 3, 6, und 12. „Wir brauchen Vielfalt, um heterogene Gruppen zu bedienen“, so Krauthausen. Dazu eigneten sich etwa Rechendreiecke. Zudem könne jede Aufgabe mit schriftlichen Beschreibungen und Argumentationen erweitert werden. Zum Abschluss des Seminars gab es für die Teilnehmer eine praktische Aufgabe. Krauthausen gab vier Zahlen vor: 15, 20, 23, 25. „Welche passt nicht zu den anderen?“ Einige der vielen Antworten: Die 15, weil sie unter 20 ist; die 23, weil sich nicht durch 5 teilbar ist; die 20, weil sie eine gerade Zahl ist. Ein Tipp, den Arbeitsauftrag zu erklären, ohne etwas vorweg zu nehmen: statt der Zahlen beschriftete Bilder von Tasse, Teller, Messer und T-Shirt
nehmen. [Friederike Ulrich]

Interview mit Petra Bauer, Tagungs-Dauergast

Frage: Frau Bauer, Sie waren in den letzten vier Tagen jeden Tag hier. Warum?
Petra Bauer: Ich beschäftige mich als Sonderpädagogin seit langer Zeit mit Inklusion. Seit einem Jahr arbeite ich an einer Starterschule in einem sozialen Brennpunkt Hamburgs, an der man dem Thema gegenüber noch nicht so offen ist. Hier habe ich mir in vielen Seminaren eine Bestätigung meines Wissens geholt.

Frage: Was hat Sie am meisten beeindruckt?
Petra Bauer: Das kann ich gar nicht sagen. Der Antrittsvortrag von Wilfried Steinert hat mir sehr gefallen. Ich teile seine Einstellung, dass Inklusion an einer Schule machbar ist, wenn alle Kollegen es wollen. Gut fand ich auch Rollstuhlbasketball – das war eine neue Erfahrung. Die Lesung von Bastian Bielendorfer war lustig. Und in den verschiedenen Seminaren konnte ich mich davon überzeugen, dass ich in Sachen Inklusion auf dem richtigen Weg bin.

Frage: Wie kann man den Wunsch nach Inklusion in den Schulen verankern?
Petra Bauer: Man könnte viele Fortbildungen machen, um den Kollegen den Blick zu öffnen. Inklusion ist toll. Man kann an Verschiedenheit große Freude haben.

Frage: Sehen Sie auch Schwierigkeiten?
Petra Bauer: Klar. Inklusion ist ein riesengroßer gesellschaftlicher Entwicklungsprozess. In den vergangenen Jahren war ja eher Ellenbogenmentalität gefragt.

[Interview: Friederike Ulrich]

Downloads