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Vortrag

Wie sind (hoch-)begabte Kinder und Jugendliche, und was heißt das für diejenigen, die sie unterstützen wollen?

Prof. Dr. Tanja Gabriele Baudson
© Vincent Flamion Prof. Dr. Tanja Gabriele Baudson

Prof. Dr. Tanja Gabriele Baudson, Charlotte Fresenius Hochschule Wiesbaden

Wollte man knapp zusammenfassen, wie begabte Menschen sind, so würde die Antwort wohl am ehesten „sehr unterschiedlich!“ lauten. Definiert man Hochbegabung als hohe Intelligenz, zeigen sich Unterschiede in der Persönlichkeit vor allem in Merkmalen, die mittelbar oder unmittelbar mit dem hohen Leistungspotenzial zu tun haben. Aber es ist komplizierter: Denn die Konstellationen, in denen (hohe) Begabung auftritt, sind sehr vielfältig – das zeigen nicht zuletzt die Beiträge dieser Tagung.

Auch wenn die Medien es anders kolportieren (und das Klischee vermutlich nicht totzukriegen ist): Begabte Schülerinnen und Schüler sind nicht per se „Problemkinder“, Genies sind nicht automatisch wahnsinnig, kurzum: Hochbegabte sind auch nicht verrückter als der Rest der Menschheit. Umgekehrt garantiert hohe Begabung keineswegs ein sorgenfreies und problemloses Leben – bei allen Vorteilen, die sie statistisch für Bildungs- und Berufserfolg, sozioökonomischen Status, Gesundheit und ein langes Leben mit sich bringt.

Man wächst bekanntlich mit den Herausforderungen, die einen dazu zwingen, die Passung zwischen dem Individuum und seiner Umwelt immer wieder neu auszuhandeln. Gleichzeitig ist es eine Gratwanderung, die „Nichtpassung“ im pädagogischen Kontext immer wieder aufs Neue so auszubalancieren, dass Entwicklung stattfinden kann, ohne dass sich das Individuum an der Welt aufreibt (oder gar von ihr zerrieben wird). Probleme sind Passungsprobleme, heißt es so schön: Nicht die hohe Begabung selbst ist also das Problem, sondern die Diskrepanz zwischen dem, was das Individuum braucht, kann und will, und dem, was die Umwelt ihm bietet.

Individuelle Förderung steht also vor der Herausforderung, diesen „sweet spot“ der Nichtpassung zu finden: einerseits jenseits der Komfortzone, aber andererseits auch nicht so weit weg von ihr, dass der begabte Mensch sich verliert. Und dazu braucht es nicht nur Anforderungen, die dem Leistungspotenzial des Individuums angemessen sind. Mindestens ebenso wichtig sind tragfähige, von Akzeptanz und Verständnis geprägte Beziehungen, die dazu beitragen können, den Stress der Nichtpassung zu verringern. Das wiederum erfordert seitens der Fördernden eine Haltung der persönlichen Reife, die in der Lage ist, die eigene Person zurückzustellen und das begabte Individuum ohne relativierende Abstriche in den Fokus zu nehmen. Ich freue mich darauf, diese große Aufgabe mit Ihnen gemeinsam anzugehen!

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Vorträge zum Download:

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Prof. Dr. Tanja Gabriele Baudson ist Begabungsforscherin und Professorin für Psychologische Diagnostik, Differentielle Psychologie und Psychologische Methoden an der Charlotte Fresenius Hochschule in Wiesbaden. Studien-, Lehr- und Forschungsaufenthalte führten sie in sechs Länder auf vier Kontinenten. Sie ist Autorin zweier Intelligenztests und zahlreicher wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Artikel und Buchbeiträge. Für ihr Engagement für die Wissenschaftsfreiheit wurde sie 2018 vom Deutschen Hochschulverband als „Hochschullehrerin des Jahres“ ausgezeichnet. Sie lebt mit ihrem Lebensgefährten und zwei Gastkatzen in Mühlheim am Main.