Tipps für den pädagogischen Umgang mit islamistisch geprägten Anschlägen


Tipps für den pädagogischen Umgang mit islamistisch geprägten Anschlägen

Liebe Kolleginnen und Kollegen, 

Die aktuellen Anschläge, gerade auch die Ermordung des französischen Lehrers Samuel Paty, machen uns betroffen und beschäftigen uns und unsere Schülerinnen und Schüler. Es gab und gibt dazu viele aufgeregte Gespräche, Nachfragen, impulsive Diskussionen. Der Aufruf zur Schweigeminute am 2.11. um 11:15 Uhr durch den französischen Bildungsminister hat in den Schulen weitere Gesprächsanlässe geboten. 
Wir möchten Ihnen im Folgenden gern einige Anregungen und Reflexionen zu den Gesprächen mit Ihren Lerngruppen anbieten.

„Politische Pädagoginnen und Pädagogen müssen nach außen radikal wirkende existenzielle Suchbewegungen junger Menschen nach »letzten Wahrheiten« und einem „Welterklärungsmechanismus“ (Hermann Giesecke) auch zulassen und produktiv weiterentwickeln können. Neben erkennbarer eigener Position und Vorbild erfordert dies, Provokationen nicht gleich durch Konfrontation und Kritik im Ansatz unhörbar zu machen. Pädagogische Diskursräume müssen für den grundsätzlichen Widerstreit offen bleiben. Herausfordernde gesellschaftlich-politische Lernprozesse werden deshalb immer wieder in riskante und öffentlich anfechtbare Grenzsituationen führen – und das ist auch gut so.“
(Tilman Grammes, in: „Positioniert euch! Was politische Bildung darf“, LI Hamburg 2020)

Mit diesem Zitat möchten wir Sie ermutigen, Gespräche auch über diese schwierige Thematik zu führen und die Komplexität der Fragestellungen mit Ihren Schülerinnen und Schülern zu betrachten. Es sind hier Aspekte von Politik, Geschichte, Religion, Menschen- und Grundrechten wie Menschenwürde, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, aber auch Fragen um Diskriminierung und Integration miteinander verwoben. Das offene Gespräch lohnt sich – um unsere offene Gesellschaft auch in der Schule zu leben.

Christoph Berens, Ramses Michael Oueslati, Mara Sommerhoff​​​​​​​


1. Tipps für Gespräche:


Zuhören & Reden
Machen Sie die Anschläge, Schweigeminuten u.a. zum Thema! Hören Sie Ihren Schülerinnen und Schülern zu: was bewegt die Kinder und Jugendlichen? Welche Themen sind ihnen wichtig?

Erwarten Sie nicht zu viel… 
von einem Unterrichtsgespräch und von Ihnen als Lehrkraft. Niemand lässt sich in ein paar Schulstunden von langgeglaubten Überzeugungen und Haltungen abbringen– schon gar nicht, wenn Diskussionen emotional so tief in gesellschaftlich brisanten Situationen stattfinden und auch nicht vor dem ganzen Klassenverband. Bleiben Sie ruhig, aber empathisch!

Versuchen Sie, stillere Jugendliche und besonnene Stimmen zu ermutigen …
sich zu beteiligen. Ein paar laute WortführerInnen können schnell den Eindruck entstehen lassen, alle hätten menschenverachtende Ansichten.

Geben Sie auch Emotionen Raum…
und warten Sie auf den Moment, in dem manche Schülerinnen und Schüler bereit sind für einen Perspektivwechsel.

Fokussieren Sie auch auf Gemeinsamkeiten und nicht nur auf Trennendes! 
Am Ende eines kontroversen Unterrichtsgesprächs/Unterrichtseinheit hilft es, sich auf das konkrete Zusammenleben in der Klasse und an der Schule zu besinnen. Ein Beispiel: „Wir werden uns nicht einig derzeit, doch unser Streitgespräch ist das beste Beispiel für gelebte Demokratie. Jede/r darf und durfte seine Meinung sagen. Doch wie wollen wir jetzt, wenn wir täglich auf den Schulhof gehen, miteinander umgehen. Wir leben und arbeiten alle mit unseren Unterschieden hier zusammen und eigentlich hat das doch immer gut geklappt. Wollen wir uns das jetzt kaputt machen? Oder brauchen wir vielleicht neue Klassenregeln für gegenseitige Toleranz?“

Einzelgespräche nach der Stunde,
in denen Sie die pädagogische Beziehung suchen, nehmen den Peerdruck und sind gleichzeitig Vorbild für Ihr ernstgemeintes Interesse am einzelnen Menschen.

Pubertät und Identitätssuche
Äußerungen von Jugendlichen sind nicht immer differenziert und werden oft impulsiv vorgetragen. Vieles ist deshalb nicht immer inhaltlich detailliert unterfüttert, so dass Nachfragen wie „Was meinst du damit?“, „Hast du ein Beispiel?“ oder „Kannst das genauer machen/konkretisieren?“ schnell die (sprachliche und inhaltliche) Not der Schülerin / des Schülers und die fachliche Überlegenheit als Lehrkraft zeigen. Dies dann nicht auszunutzen ist wichtig. Es gilt vielmehr Denkprozesse anzustoßen bei jungen Menschen, die stetig im Wandel sind. Wenn Sie jedoch den Eindruck haben, dass ein/e Schülerin / ein Schüler rhetorisch eingeübte Antworten gibt, kann dies mehrere Ursachen haben, so dass sie sich gerne an uns wenden können, um dies einzuschätzen.


2. Ein paar fachliche Anmerkungen 


Repräsentation

Schülerinnen und Schüler sind keine Repräsentanten ihrer Herkunftskultur oder Religion. Sie sollten nicht als „Stellvertreter“ zu Ereignissen befragt werden oder Stellung nehmen müssen („Du als … sag mal, was denkst du zu ….“)

Sie als Lehrkraft repräsentieren das System Schule, unser Grundgesetz uns stehen für diese Werte. Gleichzeitig haben Sie im Gespräch mit Ihren Schülerinnen und Schülern eine besondere Verantwortung!
Es muss sichergestellt werden, dass Schülerinnen und Schüler sich zutrauen, die eigene Position ggf. auch gegen jene der Lehrenden zu vertreten. Die institutionalisierte Rolle der Lehrkräfte erschwert einen solchen Austausch von Positionen auf Augenhöhe natürlich. Diese Herausforderung muss daher von Anfang an offengelegt und stetig gemeinsam mit der Klasse reflektiert werden!

Ebenso ist es zulässig, dass Sie als Lehrkraft in einem politischen Konflikt Stellung beziehen, wie auch Meinungen von Schülerinnen und Schülern kritisieren. Solche Kritik muss von Lehrkräften aber so formuliert werden, dass sie die Kritikfähigkeit der Lernenden fördert. Das bedeutet auch, dass jegliche Kritik in einer Form geäußert werden muss, die umgekehrt auch für die Lehrkräfte akzeptabel wäre. Diese Ansprüche an Kritik vonseiten der Lehrerinnen und Lehrer stehen nicht im Widerspruch zu einer deutlichen Zurückweisung antidemokratischer Äußerungen. Erst wenn die Lehrkraft ihre pädagogischen Handlungsmöglichkeiten als ausgeschöpft betrachtet, weil jemand beispielsweise für eine verfassungsfeindliche Organisation wirbt, sind weitere Schritte einzuleiten.

Multiperspektivität

Bleiben Sie wie bei allen anderen Themen sachlich, fachlich, problemorientiert und multiperspektivisch. Z.B. indem Sie darauf hinweisen, dass Sie einseitige Opfergedenken bei Anschlägen ebenfalls diskussionswürdig finden, diese aber in letzter Zeit durchaus in Frankreich und Deutschland Muslime bewusst miteinschlossen. Hier drei Beispiele, die Sie im Unterricht exemplarisch mit Bildmaterial aus dem Internet zeigen können:

  • Hochstaatliche Ehrung der muslimischen Security-Kraft „Didi“ des Veranstaltungsortes Bataclan in Paris, der Menschen während des Anschlags zur Hintertür heraus geschleust hat und seitdem nur von hinten und ohne seinen echten Namen gezeigt werden kann.
  • Der französische und muslimische Polizist Ahmed Mirabet, der 2015 versuchte, die Attentäter von Charlie Hebdo aufzuhalten und auf offener Straße mit seinem Leben dafür bezahlte.
  • Der vielleicht schwerste Terroranschlag der Türkei von IslamistInnen war 2015 in Ankara. 102 Menschen starben. Deutschland hat daraufhin aus Solidarität die türkischen Nationalfarben auf das deutsche Nationalsymbol Brandenburger Tor in Berlin projiziert. Muslime, Christen und Atheisten haben gemeinsam vor Ort der türkischen Opfer gedacht.

Religion

  • Von harter Religionskritik sind nicht nur Muslime betroffen, sondern es gibt auch Diskussionen mit manchen christlichen Menschen. Die deutsche Satire-Zeitschrift Titanic hat regelmäßig sehr provokante Titelbilder, in der das Christentum beleidigt wird.
  • Der Prophet Muhammad spielt im Islam eine andere Rolle als Jesus im Christentum und das Verständnis des Bilderverbots unterscheidet sich. Viele Muslime reagieren daher empfindlicher auf Mohammed-Karikaturen als Christen auf Jesus-Karikaturen. Das ist nicht immer ein Grund diese nicht zu zeigen. Dennoch sollte ein Gespräch hierüber sensibel, multiperspektivisch geführt werden.
  • Die meisten Opfer von islamistischen Anschlägen waren in den letzten Jahren Muslime und nicht Christen. Verunglimpft als „kuffar“ (Ungläubige) wurden Muslime sogar während des Gebets in Moscheen getötet. So hat Deutschland in den letzten 5 Jahren vorm IS geflüchtete muslimische Syrerinnen und Syrer aufgenommen und vor Ermordung geschützt und tut dies teilweise noch immer. Dies führte nicht überall auf Zustimmung, doch gab es auch eine große Willkommenskultur („Refugees welcome“).
  • Menschenrechte sind universell und auch im Koran zu finden. Viele hochrangige gelehrte Muslime verweisen darauf, dass Gott derjenige ist, der richtet und nicht der Mensch sich anmaßen darf, dies an seiner statt zu tun.

Kritik an Schweigeminuten ernst nehmen

Viele Schülerinnen und Schüler haben gestern gefragt: „Warum wird nicht geschwiegen für… (Dresden? Halle? Nizza? Syrien? …) 

Obwohl es vielleicht anders erscheint, beziehen sich Rückfragen zu solch einer Schweigeminute nicht immer auf den unmittelbaren Anlass. Es muss keine Ablehnung des Gedenkens per se bedeuten. 

Kritische Rückfragen können auch ein Ventil sein für bereits lang gefühlten oder tatsächlich erfahrenen antimuslimischen Rassismus bzw. Islamfeindlichkeit oder ökonomische Deprivilegierung. Der aktuelle Vorfall ist dann nur noch ein Anlass Unmut zu äußern, der sich aufgestaut hat. 

Dies rechtfertigt zwar nicht die problematischen Äußerungen, doch erweitert ernstes zugewandtes Zuhören auch Ihre Perspektive als Lehrkraft. Es öffnet Türen, um in einen gleichberechtigten Dialog zu kommen und bietet Chance, dass Schülerinnen und Schüler ggf. Äußerungen wieder zurücknehmen. Das Gespräch verändert sich dadurch, führt weg von der Verhärtung des aktuellen Anschlags, und wird ggf. zur eigentlichen Ursache gelenkt.


Materialtipps und Argumentationshilfen

Argumentationshilfen zu islamistischen Meinungen mit dem Grundgesetz und muslimischer Gegenstimmen in mehreren Sprachen: https://www.berlin.de/sen/inneres/verfassungsschutz/aktuelle-meldungen/2016/artikel.484525.php