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0 | Rechtschreiben lernen mit dem Bild-Wörterbuch

Grundlagen

Was ist das Besondere am Lernen mit dem Bild-Wörterbuch? Wie ist es aufgebaut und wie kann es individuell und klassenspezifisch ergänzt werden? Welche individuellen Unterstützungsmöglichkeiten gibt es, bspw. im inklusiven Unterricht? Wie kann das Wörterbuch im Unterricht so eingeführt werden, dass es für jedes Kind bedeutsam wird?

© Hüttis-Graff

(Recht-)Schreibenlernen erfordert die Auseinandersetzung mit richtig geschriebenen Wörtern – bspw. aus dem Basiswortschatz. An diesen Wörtern können Kinder selbstständig Phänomene und Strukturen unserer Rechtschreibung entdecken und ihre Fragen und erste eigene Hypothesen zur Rechtschreibung klären. Die konkreten Wörter eröffnen damit zielorientierte, individuelle Zugänge zur Rechtschreibung und der Abgleich mit dem Gesprochenen gibt Anfänger*innen zugleich Sicherheit bei der Entwicklung des Phonembegriffs. Ohne diese frühe Schriftorientierung würde Kindern ein wichtiger Zugang zur Rechtschreibung vorenthalten werden.

Diese konsequente Schriftorientierung – verstanden als Erkundung von konkreten, richtig geschriebenen Wörtern, hier anhand eines Rechtschreibwortschatzes – ist das Besondere am Rechtschreiblernen mit dem Bild-Wörterbuch: Die Bildung von Eigenregeln und Schreibschemata wird angeregt, statt vorgegebene Regeln und abstrakte Strukturen oder die alleinige Lautorientierung („Schreiben nach Gehör“) zu vermitteln.

Die 80 aus dem Hamburger Basiswortschatz ausgewählten und für Kinder attraktiven Nomen des Bild-Wörterbuches enthalten alle für die Grundschule wesentlichen Prinzipien unserer Orthografie in ausreichender Wortanzahl, damit Kinder daran eine sachgemäße Vorstellung von unserer Orthografie erwerben und diese bei eigenen Schreibversuchen erproben können. Würde man bspw. nur „lautreine" Wörter auswählen, würde man Kinder auf den Irrweg führen, dass wir schreiben würden, wie wir sprechen.

Warum ein Bild-Wörterbuch?
© Hüttis-Graff Warum ein Bild-Wörterbuch?

Warum ein Bild-Wörterbuch? Das Lernen mit einem Rechtschreibwortschatz ist im (inklusiven) Anfangsunterricht auf ein Bild-Wörterbuch angewiesen, weil nur so alle Kinder unabhängig von ihrer Lesefähigkeit und ihren sprachlichen Fähigkeiten die Bedeutung der geschriebenen Wörter verstehen und Zusammenhänge zwischen gesprochenem und geschriebenem Wort selbständig erkunden können – auch beim Abschreiben. Die Bilder verhindern also, dass Kinder beim Abschreiben nur mechanisch Buchstaben abmalen“, ohne zu verstehen, was sie schreiben.

Wurde früher ein Rechtschreibwortschatz durch häufiges Abschreiben eingeprägt – etwa 5 Wörter pro Woche –, werden die Kinder heute zu Erkundungen von Wörtern und Phänomenen und zum Austausch angeregt. Es geht inzwischen also um aktiv forschendes Lernen und ein Verstehen unserer Rechtschreibung und nicht mehr nur um reines Auswendiglernen.

Der Lehrperson kommt dabei die Aufgabe zu, das Bild-Wörterbuch sinnvoll in den Schriftgebrauch im Unterricht zu integrieren, sodass u. a. durch individuell und klassenspezifisch bedeutsame Ergänzungen des Bild-Wörterbuchs das Rechtschreiben in für die Klasse relevante Unterrichtskontexte integriert wird. Hierfür werden in jedem Baustein konkrete Unterrichtsbeispiele dargestellt und weitere schriftkulturelle Kontexte vorgeschlagen.

Die Unterrichtsbausteine unterstützen diverse rechtschriftliche Lernprozesse auf kognitiver, subjektiv-emotionaler und sozialer Ebene:

  • Rechtschreiblernen als bewältigbar erfahren – ein positives Selbstbild als (Recht‑)Schreiber*in ausbilden
  • Schriftorientierung als Hilfe beim Rechtschreiblernen erfahren
  • Die Rechtschreibung anhand auch individuell relevanter Wörter als bedeutsam erfahren – und nicht nur anhand linguistisch wichtiger Wörter
  • Wissen über orthografische, semantische, graphomotorische und lautliche Merkmale von Wörtern in einem überschaubaren Rahmen erwerben und vernetzen (inneres Lexikon):
    • häufige Buchstabenfolgen und Strukturen erkennen (Schreibschemata aufbauen)
    • den mündlichen Wortschatz erweitern – inkl. Artikel und Aussprache (z. B. bei Benutzung eines digitalen Lesestifts)
    • Wissen über entscheidende Merkmale der Buchstabenformen erwerben und sichern (Wahrnehmung und Wissen)
    • flüssiges und gut lesbares Handschreiben üben (graphomotorische Fertigkeit)
  • Prinzipien und Strukturen unserer Schrift entdecken, erforschen und verstehen
  • Rechtschreibkompetenzen in komplexeren Situationen des Schriftgebrauchs erproben – als Verbindung von Kulturtechnik und Schriftkultur

Bei dem in den folgenden Bausteinen vorgeschlagenen kontextgebundenen, funktionalen und vielfältigen Gebrauch des Bild-Wörterbuches kann jedes Kind entsprechend seinem Entwicklungsstand und seinem Interesse auf etwas Anderes aufmerksam werden und auf unterschiedliche Weise richtig schreiben lernen. Mit dem gemeinsamen Material kann das Lernen in der heterogenen Klasse am individuellen Können jedes Kindes ansetzen.

Folgende Informationen und Anregungen sind wichtige Grundlagen dafür, die Lernchancen des Bild-Wörterbuches auch in inklusiven Anfangsklassen ausschöpfen zu können:
 

Grundlegende Erfahrungen mit Schrift und Schriftgebrauch – vor dem Wörterbuch 

Es hat sich bewährt, das Bildwörterbuch Mitte der 1. Klasse einzuführen. In den ersten Schulmonaten bis Weihnachten werden im Unterricht viele Impulse gegeben, damit die Kinder ihre Aufmerksamkeit auf die Form der gesprochenen und geschriebenen Sprache richten lernen, eine grundlegende Orientierung über die Schriftzeichen (Grapheme), ihre Erzeugung beim Schreiben und die korrespondierenden Phoneme („Laute“) erwerben können und jeden Tag die Relevanz des Schriftgebrauchs in der Klasse erfahren. Hierfür einige Beispiele:

Aufbau des Bild-Wörterbuchs

© Hüttis-Graff
© Hüttis-Graff

Das Bild-Wörterbuch ....

  • hat einfache Bilder neben den Wörtern, damit auch Nicht-Leser*innen das Wörterbuch benutzen können und sie leicht kopieren können, damit sie auch später noch wissen, was sie daneben geschrieben haben.
  • bietet auf jeder Doppelseite Platz zur Ergänzung klassenspezifisch oder individuell bedeutsamer Wörter und Bilder.
  • ist seitenweise nach Sachgruppen (Familie, Körper, Kleidung, Spielzeug, ...) und nicht nach Alphabet geordnet, da Schulanfänger*innen bereits über diese Systematik verfügen und so die Wörter (mit Artikel) leicht finden und sich anhand der Seitenzahlen darüber verständigen können.
  • enthält Artikel (und nicht nur Artikelsymbole), damit alle Kinder auch die Schreibweise dieser häufig gebrauchten Wörter lernen können – auch als Ausgangspunkt für grammatisches Lernen beim parallelen Deutschlernen (DaZ/DaF).
  • präsentiert mit den Wörtern alle für die Grundschule wesentlichen Prinzipien und Rechtschreibphänomene unserer Schrift, so dass Kinder von Anfang an eine sachgerechte Vorstellung von unserer Rechtschreibung entwickeln können (und nicht denken, dass wir schreiben wie wir sprechen).
  • gibt mit der Schrift deutliche Ober- und Unterlängen vor, damit entscheidende Merkmale der Buchstaben leicht erkennbar sind – das Mittelband auf den Schreibblättern gibt dieselbe Unterstützung beim Abschreiben (Selbstständiges Schreiben erfolgt auf einer einfachen Linie).
  • wird in 4 Versionen im Download bereitgestellt: Sprachlich kann gewählt werden zwischen Mutter und Vater oder Mama und Papa. Beide Schwierigkeitsgrade werden sowohl in Gemischtantiqua als auch in Großbuchstaben angeboten – ggf. auch zur Differenzierung innerhalb einer Klasse:

    Bild Mutter
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    Bild MUTTER
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    0.1 Bild-Wörterbuch Mutter

    0.2 Bild-Wörterbuch MUTTER

    Oma Opa Mama Papa Kind klein
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    Bild MAMA
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    0.3 Bild-Wörterbuch Mama

    0.4 Bild-Wörterbuch MAMA


Klassenspezifische und individuelle Ergänzung des Bild-Wörterbuchs

Das angebotene Bild-Wörterbuch ist um individuell bedeutsame und im Unterricht häufig gebrauchte Nomen zu ergänzen, damit das Rechtschreiblernen für den tatsächlichen Schriftgebrauch in der Klasse relevant ist. Folgende Unterrichtskontexte bieten sich für die Ergänzung von für die Kinder wichtigen Wörtern an:

bild bär
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  • Buchstabe der Woche (Graphem): Nachdem die Kinder in Gruppen z. B. Wörter mit <ei> suchen und auf ein Plakat schreiben, wählt sich jedes Kind anschließend daraus sein Lieblingswort aus. Es wird von der Lehrerin richtig aufgeschrieben, damit es mit den Lieblingswörtern der anderen Kinder auf dem Eisbär-Plakat der Klasse ausgestellt werden und jedes Kind ein individuelles Modellwort für dieses Graphem in das eigene Bild-Wörterbuch abschreiben (und zeichnen) kann.

Neuer Inhalt
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  • Sachunterrichts-Projekte: Ist im Herbst der 1. Klasse im Rahmen des Apfel-Projekts nur der Anspruch, das im Bild-Wörterbuch enthaltene Wort Apfel richtig zu schreiben (s. Baustein 5), sollten in der zweiten Schuljahreshälfte auch weitere Begriffe ins Wörterbuch aufgenommen werden – im Projekt zu Ostern bspw. das Wörterbuch-Wort Ei um den Plural Eier zu ergänzen sowie andere für den Unterricht relevante Wörter wie Kalk, Poren, Schalenhaut etc..
  • Beim Schreiben eigener Texte zum Bilderbuch: Damit Kinder in ihren Texten zum Bilderbuch zentrale Wörter richtig schreiben können, werden sie zuvor gemeinsam gesammelt und im Bild-Wörterbuch ergänzt. Rechtschriftlich verfügbare Wörter geben Sicherheit beim Schreiben, entlasten beim Textschreiben von der aufwändigen Neukonstruktion jedes Wortes und bieten Freiraum, über den Inhalt und die Formulierung nachzudenken
  • Werkstattarbeit: Wie in der exemplarischen Werkstattarbeit im Unterrichtsbeispiel von Baustein 3 zur gehörten „Geschichte vom Löwen, der nicht schreiben konnte“ können Wörter im Bild-Wörterbuch ergänzt werden, hier die Wörter Löwin, Mistkäfer und Geier. So können  diese Wörter in diversen Aufgaben gefestigt werden:
© Hüttis-Graff
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  • Individuell bedeutsame Wörter sind gerade für Kinder wichtig, die noch kein Interesse für das Schreibenlernen entwickelt oder aus anderen Gründen die Unterrichtsangebote bisher nicht angenommen und sich zu eigen gemacht haben. Wörter, die Springpunkte ihrer Entwicklung darstellen, sollten individuell im Wörterbuch ergänzt werden, auch wenn z. B. Pizza, Fußball oder Nintendo aus fachlichen Gründen für das Rechtschreiblernen ungeeignet erscheinen.
  • Individuelle Fehlerwörter, die vom Kind häufig gebraucht werden, können ebenfalls in das Wörterbuch aufgenommen werden – und dann ggf. auch Impuls für die individuelle Erforschung regelgeleiteter Phänomene solcher Wörter sein (s. Baustein 2).

Gerade wenn im Unterricht verwendete Wörter regelmäßig ins Bild-Wörterbuch aufgenommen werden, kann es zentrale Grundlage für das Rechtschreiblernen ab Klasse 1 sein und Kulturtechnik und Schriftkultur verbinden.

Bild ich mich dich sich
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Wichtig ist für das Rechtschreiben beim Textschreiben ist es zudem, Häufigkeitswörter (Funktionswörter, kleine Wörter wie ich, mich, dich, sich, nicht; sie, wie, die; …) separat z. B. auf Plakaten zu sammeln, da sie einen Großteil der Schülertexte ausmachen, ihre Rechtschreibung meist nicht systematisch ist und sie nicht im Wörterbuch abgebildet werden können.


Individuelle Unterstützungsmöglichkeiten

Von der Lehrperson vorbereitete Markierungen im Bild-Wörterbuch sind nicht nur unnötig, sondern sogar kontraproduktiv, da das selbständige Erkunden von Phänomenen und Strukturen unserer Rechtschreibung die zentrale Funktion des Bild-Wörterbuches ist. So ist eine vorbereitende Markierung der Silben z. B. durch Silbenbögen im Wörterbuch unnötig, da die Kinder beim erkundenden Abschreiben automatisch aufmerksam werden z. B. auf im Mündlichen reduzierte Endsilben. Solche vermeintlichen „Hilfen“ würden eigenständige Entdeckungen der Kinder verhindern oder sogar beschränken.


Abschreiben als inklusive Lernchance

Bild Abschreiben
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Grundlage des Lernens mit dem Wörterbuch ist ein erkundendes, aktives Abschreiben. Gerade in heterogenen Kontexten ist dieser schriftorientierte Zugang zur Rechtschreibung wichtig, weil er allen Kindern Sicherheit gibt – als Pendant zum Erproben beim selbstständigen Erschreiben. Im Unterricht mit dem Bild-Wörterbuch ist der Anspruch auf richtiges Abschreiben stets aufrechtzuerhalten – richtiges Abschreiben ist für jedes Kind machbar.

Aus dem Bild-Wörterbuch abschreiben zu können, ist besonders wichtig für Kinder,

  • die selbstständig noch gar nicht schreiben können oder erst rudimentär – weil sie dann wie die anderen Kinder schreiben können,
  • die nicht immer nur Wörter selbst konstruieren, sondern auch imitieren und neue Wörter analog konstruieren,
  • die nicht gern Fehler machen – weil das Wörterbuch ihnen Sicherheit gibt,
  • die visuell besser lernen können – und so Schreibschemata entwickeln und Phänomene entdecken können,
  • die umgangssprachlich sprechen – weil sie dann lernen zu sprechen, wie man schreibt,
  • die diagnostizierte Sprachbeeinträchtigungen haben – weil sie am geschriebenen Wort sehen können, was sie nicht hören oder sprechen, oder
  • die eine andere Familiensprache sprechen – damit sie unser Schriftsystem vom anderen unterscheiden können.

Rechtschreiblernen mit dem Bild-Wörterbuch ist also ideal für inklusiven Anfangsunterricht.

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Damit Kinder beim Abschreiben nicht einzelne Buchstaben gedankenlos „abmalen“, ist die Fokussierung der Aufmerksamkeit auf entscheidende Merkmale des Wortes und des Schreibens sowie die Vernetzung von Wissen durch begleitende Handlungen wichtig. Es gilt dabei, das Wort vor dem Abschreiben nicht nur anzusehen, zu sprechen und zu verstehen, sondern die Verknüpfung von Wissen (Bedeutung, Graphem-Phonem-Korrespondenzen) und Können (Schreibmotorik, Lesen) gezielt zu unterstützen und das Geschriebene zu kontrollieren (Strategie des Problemlösens). Die Aufmerksamkeit auf Teilprozesse beim Erkunden der Wörter zu richten, verlangsamt zugleich den Schreibprozess. Die verschiedenen Schritte des Buchstabierens, in die Luft Schreibens, Mitsprechens etc. sind sorgfältig einzuführen (s. Baustein 1). Sie unterstützen die Verbindung von Sehen, Sprechen, Lesen, Handschreiben und Nachdenken über richtige Schreibweisen.